Was ist ein Name Ana Luísa Amaral

 

Die Katze entzündete sich in der dunklen Nacht Thematisch weitgefasst, sind die philosophischen Gedichte von Ana Luísa Amaral in ihrem Band Was ist ein Name. Oder sind doch Gedichte das Thema der Gedichte? Übersetzt von Michael Kegler & Piero Salabè in der beständigen Reihe der Edition Lyrikkabinett diesen Jahres erschienen, beschäftigen sich die poetischen Gebilde der Portugiesin (und Dickinson-Expertin) zum Beispiel mit dem Bedrohlichen, dem Zudringlichen in einer Handschrift, mit „Geteilter Einsamkeit“, Mikrokomplexen wie „Ich sehe dich im Glas vor mir“, „Das Hotel einer Sprache“, „ins Nichts. Die gebrochene Musik“, dem „genauen Lauf des Flusses“ oder „Gewöhnliche ovale Formen und Freibriefe: oder (fast) noch ein Brief an meine Tochter“.

„Selbst wenn es um Sonne und Berge ginge,

selbst wenn es die winzigsten Räume besingt

oder die großen Wahrheiten,

jedes Gedicht

ist über den,

der darüber schreibt“

schreibt Amaral. Zum Teil inkludieren die Texte merkwürdige, abrupte Abbrüche, als seien sich manche Gedichte selbst nicht geheuer. Manchmal blitzt in ihnen etwas auf, auch durchaus fragwürdig wie die forcierten Ressentiments als Spiel in „Gemeinplätze“. Insgesamt wirken die Gedichte sichtbar prozesshaft. Sie gehen von einem Eisprung im Blick aus, ein Krümel, ein Fuß, die Katze, ein Bild und entfalten sich daraufhin in philosophisches Aufschachteln von Abhängigkeiten. Manchmal landen sie in sich ähnelnden Reichen (Liebe, Nicht-Liebe, Männer, Töchter etc.), bisweilen scheinen sie ganz und gar unkontrolliert-experimentell trotz einer meist immergleichen um Beruhigtheit bemühten (übersetzten) Sprache.

„Meine Tochter hat in der Küche

eine Schüssel zerbrochen.

Und ich, die ich gerne darüber

geschrieben hätte,

musste Inspiration und Stift beiseitelegen,

und nach einem Besen greifen,

die Küche fegen.“

hochpersönliche Eigenreflektionen, Inhalte, die noch über einem gedichtlichen Formwillen stehen in zumindest vorliegender Übersetzung, die zum Teil a-rhythmisch agiert, oder wie es im Nachtwort selbst gebeichtet wird: „oft ist es eine Herausforderung, in den akrobatisch konstruierten Sätzen und Bilderreihungen dem Gedankengang zu folgen“. Die Akrobatik allerdings bleibt eine Behauptung, denn zumindest im Deutschen wird eher auf Nummer sicher gegangen. Ein wenig übersetzerischer Mut hätte nicht geschadet in Richtung negative capability oder Dickinsonsche Drastik.

Amaral Was ist ein Name: Hanser 2021 978-3446269125 112 S. 20 €

 

 

Lass mich nicht einsam sein Claudia Rankine

 

Anwesenheit anzeigen Claudia Rankines Lass mich nicht einsam sein ist ein deprimierender Text. Seine Zusammensetzung aus lyrischer Essayizität über trauriges Zeitgeschehen zwischen nine-eleven & den Jahren danach, eingestreuten Momentaufnahmen über das Sterben, Abschalten der Kabel, Abhängigsein von Medikation, dem allgegenwärtigen Fernsehen, den Nachrichten über Verbrechen, Misshandlungen, zivilen rassistischen Terror, lässt ihn unmittelbar, nahbar zu einem separat eingefangenen Stück Realität werden. Eine trostlose Gesellschaft, auseinandergebrochen, nur mit Bildern am Leben erhalten – ein Leben, das sich in Wirklichkeit als Einsamkeit an sich anfühlt. Rankine schafft es, dieses Gefühl zu erzeugen, unaufdringlich, schmucklos, von Uda Strätling clean übersetzt, geradezu beklemmend. Besonders heute, zehn Jahre später, möchte man hinzufügen, da es sich mitnichten zu einem (imaginären) Besseren gewandelt hätte, dass Rankines Kritik am System W. im Maßstab des Realitätsausmaßes vom späteren System DJT gesehen, zum Heulen ist & umso mehr runterzieht.

Dem bei Spector Books in der Volte-Reihe erschienenen Buch vorangestellt, liest sich ein Motto von Aimé Césaire, „[...] Ein Mensch, der tanzt, ist kein Tanzbär.“ In jener Vercuttungstechnik von Fetzen, Fotos, häufig eingespielten Grafiken leerer Fernseher (letzterer fast zu viel, nicht unbedingt vonnöten), tummeln sich Lyriken, Zitate, Filmnotate, Reflexionen wie Inseln, bewohnt mit demselben Gefühl, die Rankine versucht zu erreichen, die aber doch weit scheinen, schwierig zu navigieren. So wie jenes verdammte Einsamsein, das einmal da, schwer loszuwerden im Gefühlshaushalt herumsitzt. Celan, Vallejo u.a. kommen zu Wort in einem Werk, dass Literatur und Realität verschmilzt, sie ununterscheidbar macht. „Habe ich jemals Liebe erbrochen oder Schuld gehustet?“ schreibt Rankine.

„Ich soll Einsamkeit definieren?

Ja.

Sie ist das, was wir nicht füreinander tun können.

Was bedeuten wir einander?

Was bedeutet ein Leben?

Wozu sind wir da, wenn nicht füreinander?“

In einem dem Text nachgestellten, sehr interessanten Glossar wird mit einem Stimmungswechsel in der Sprache über die Realia gesprochen, sie zugeordnet, noch nüchterner, außerhalb des lyrischen Flows mit ihnen operiert. Ein leicht verzogenes Spiegelbild des ersten (Haupt-) Teils. Zusammen ergibt sich ein intensiver, grenzensprengender Lyrikessay, der so persönlich gehalten ist, dass er paradoxerweise allgemein wird – human, wenn dieses Wort überhaupt noch wohlbelegt ist. Dieses Buch ist es, ein weiterer tiefbohrender Klassiker aus der Feder Claudia Rankines.

„Oder ich erinnere mich, dass die letzten beiden Zeilen in Fanny Howes Tis of Thee, die ich am Abend zuvor noch im Bett gelesen habe, lauten: „Ich lernte, einem Gefühl der Unabhängigkeit sukzessiv zu entsagen und fühlte mich schließlich von unserer heutigen Zeit geschlagen. Ihr ergeben.“

Rankine Lass mich nicht einsam sein: Spector Books 2021 978-3959053303 168 S. 14 €

 

 

Rückruf Marie T. Martin

 

Käferin „Mahlwerk dieser Stadt“, „Wutkraut“ lauten Wortschöpfungen von Marie T. Martin in ihrem neuen Lyrikband Rückruf, erschienen im Leipziger Poetenladen Verlag. Im Nachwort nennt Tom Schulz ihre Texte „zugewandt“ und einem „magischen Sprachrealismus“ zugehörig. Tatsächlich ist das Zugewandte treffend, denn Martin nimmt die Lesenden mit auf Gänge in (Natur) Räumen, auf Erkundungen, die unverkopft daherkommen, diese Leserschaft wirklich mitgehen lassen. Das führt aber auch mit sich, dass bisweilen das Experiment fehlt, die Offenheit aufs Ganze zu gehen und dabei ein mögliches, realistisches Scheitern zu riskieren. In Rückruf sind die textlichen Operationen tatsächlich weniger als nach vorn einzuordnen, sondern als wohlüberlegt, ökonomisch, handwerklich äußerst gekonnt ins Bekannte gegriffen zu verstehen. „Dort liegt sie, ungesehen, die seltenste / aller Farben.“

Mehrfach benennt Martin die „Treidelseele“, „die Zweifelrede“, die an diesen Stellen durch Markierung zustande kommen soll, nicht aber durch Agieren von Sprache selbst (es sei denn im Fragen). Das Markieren wird vielmehr von einem klar zuordnenbaren Lyrischen Ich vorgenommen („Käferin“), oder einem Lyrischen Du, die jeweils sehr präsent, prägnant alle Gedichte durchdringen: „Liebes Ich Wie geht es Dir? Mir geht / es gut, ich sammle Fallsamen“ oder „Rückruf, dein Ich spricht“. Bisweilen treten sie in einen Dialog, sprechen sich an, „dass du eine Täuschung bist oder ein / seltsamer Traum“. Durch die verschiedenen Abteilungen des Bandes ziehen sich zwar viele Fragen wie „Ist dies eine /  Überquerung?“, doch strahlen alle Texte eine insgesamte Zuversicht aus. Zweifeln ja, aber Verzweifeln nein. Ein Ritus? „Vater und ich gehen in einem Western spazieren“, eine Rahmung oder letzte Folie bleibt stets vorhanden in den Gedichten in Rückruf von Marie T. Martin.

Martin Rückruf: Poetenladen 2020 978-3-948305-08-6 96 S. 18,80 €

 

 

Einmal in Sizilien Leonardo Sciascia

 

Regalpetra Der sizilianische Autor Leonardo Sciascia schreibt ausgiebig über die Welt um ihn herum, Sizilien, die Schule – er war Lehrer –, Menschen unter wechselnder Herrschaft, das Wetter, die Arbeiterbewegungen, die Verbindungen zur Unterwelt. In der Wagenbach-Reihe SALTO, die häufig ins Gebiet von Reiseliteratur vordringt, erscheint Sciascias Prosaband Einmal in Sizilien, der von Sigrid Vagt übersetzt wurde und bereits fast 70 Jahre alt ist, Le Parrocchie di Regalpetra im Original von 1956. Die um Objektivität bemühten Reportagen kreisen um das fiktive sizilianische Städtchen Regalpetra, das allerdings einige Ähnlichkeit zu nicht-fiktiven sizilianischen Städtchen aufweist. Sciascia versucht die damaligen Verwerfungen der Gesellschaft zwischen einer archaischen Landkultur mit eigenen Regeln, einem jungen Staat nach dem Faschismus um den Aufbruch bemüht und uralten ungerechten Eigentumsverteilungen sichtbar zu machen. Wie es heute um Sizilien steht, steht auf einem anderen Blatt, doch laut Einmal in Sizilien gab es einst eine große Ur-Solidaritätsbewegung der Nichtbesitzenden auf der Insel, gleich ob sie Schäfer, Schwefelminer oder Salzarbeiter waren, deren Kinder sich das Essen in der „Schulspeisung“ „ergaunern“ mussten, die zusammen absurde Entscheidungen von fern aus Rom aushielten, die sich selbst allerdings politisch wiederum unterschiedlich sozialisiert haben: die einen christlich-demokratisch, die anderen noch dem Fascismo nahe stehend, die anderen inzwischen Kommunisten, nicht unbedingt mehrheitseindeutig.

„Ein hautfarbenes Fähnchen flattert über dem Marsch der Armen“, so beschreibt es Sciascia trocken. Ohne viel auszustellen, geht der Autor weniger einer Inselromantik hinterher als einem Stück sizilianischer Geschichte, mit vielen Verweisen auf die überregionale Periode des jungen 20. Jahrhunderts in Italien. Die bittere Seite der Korruption, die in seinen später expliziteren Mafiaromanen die Hauptrolle spielt, ist hier noch unausgeprägt. Stattdessen laufen die Texte in ironische Beobachtungen aus.

„Zum Teufel“, erwiderte der andere, „Sie wollen mich nicht verstehen. Man hat ihnen die Schafe gestohlen? Wie viel waren sie wert, hunderttausend, zweihunderttausend? Dann gehen Sie zu Gaspare, und sage Sie ihm, Sie wären bereit, fünfundzwanzig-, fünfzigtausend zu zahlen; und Sie werden sehen, Sie kriegen die Schafe wieder.“ „Aber Gaspare ist doch unser Bürgermeister“, sagt fassungslos der Anwalt. „Ich weiß“, entgegnet abschließend der andere, „aber als Bürgermeister kann er diese Dinge besser regeln. Ein Freund der Freunde ist er, Sie sollten sich gut mit ihm stellen.“

Sciascia Einmal in Sizilien: Wagenbach 2021 978-3803113603 144 S. 18 €

 

 

Wabi-Sabi Woher? Wohin? Leonard Koren

 

Rau und ungleichmäßig Leonard Koren hat seine Gedanken zu Wabi-Sabi neu spezifiziert. Er kehrt zurück, erweitert sie um einige zusätzliche Informationen im Band Wabi-Sabi Woher? Wohin? Weiterführende Gedanken. Das epochale Konzept aus Japan, das nur durch den (westlichen) Versuch Korens überhaupt in Worte gefasst worden ist, bescheiden und ums allgegenwärtige Scheitern desselben im Klaren, eine Ästhetik des modesten Denkens und Verhaltens als (Kultur-) Gäste dieser Erde zu skizzieren, funktioniert auch im zweiten schmalen Buch im Wasmuth Verlag, neu aufgelegt, hauptsächlich über das Verbalisieren dessen, was Wabi-Sabi nicht ist. Koren stellt lieber Fragen („Wenn Sie in eine Welt hineingeboren worden wären, in der es die weggelassenen Zutaten gar nicht gäbe, würde es sie dann stören?“), statt Antworten zu geben. Er argumentiert mit dem Bild einer gesprungenen Kanne oder dem Zeitabdruck auf einer Bank. Es gelingt ihm dabei, inspirierend und uneitel zu bleiben.

Wenig wird erklärt, eher aufgezählt, verglichen, gesetzt. „Oder man nutzte Dinge aus einem ganz anderen Kontext, die nun neue Funktionen übernahmen und symbolische Assoziationen weckten [...] deshalb stellte man alte Dinge neben neue. Ausländische neben einheimische. Glatte neben raue. Teure neben preiswerte. Berühmte neben unbekannte. Das Komplizierte neben das Simple ...“

Zur Buchgestalt, die ihr eigenes Medium ist, erklärt der Autor: „... und es erhielt einen seltsamen, keinen cleveren Titel.“ Das Buch selbst ist Wabi-Sabi. Wer durch Lesen eine derartige Erfahrung machen möchte, wird sie machen. Das letzte Wort in Korens erstem Band lautete entdecken, hier nun lautet das letzte Wort ausradiert. Ein Hauch von Wink.

Koren Wabi-Sabi Woher? Wohin?: Wasmuth & Zohlen 2020 978-3803032188 96 S. 15 €

 

 

Undienlichkeit Iris Därmann

 

Fliegen: Sich selbst undienlich machen, nicht mehr zur Verfügung stehen, sich außer Gefecht setzen – unter dem Titel Undienlichkeit betrachtet die Kulturwissenschaftlerin und Philosophin Iris Därmann die Geschichte eines Widerstandsmodus gegen die Ausübung kolonial- und vernichtungspolitischer Gewalt, sowie ihrer philosophischen Rechtfertigungen. Als bisher unverbunden stand, dass die Sklaverei nicht nur eine Haupthandels- und Produktionspraxis westlicher Gesellschaften über Jahrhunderte war, sondern ganz offensichtlich auch ein kritikloser Teil ihrer theoretischen Philosophien gewesen ist. Nicht bloß Aristoteles, sondern in besonderem Maße die Späthumanisten und Frühaufklärer wie Hume, Locke, Hobbes usf. verankerten das Recht des Westens am Menschenmaterial als wesentlichen Teil ihrer Staatsphilosophie. Locke zum Beispiel erklärte den „christlichen Schöpfergott zum höchsten Land- und Sklaveneigentümer“. Zu Hobbes konstatiert Därmann: „Zweifellos ist H. nicht nur der Begründer des juristischen Idioms der Souveränität und des Staatsterrors, sondern gerade auch der Erfinder des politisch „servilen Menschen“, des sich absolut unterwerfenden und befehlsbereiten Subjektes.“

Därmann geht in ihrem fundiert recherchierten und aus vielerlei Stimmen von Originaldokumenten zusammengesetzten Schwarzbuch der Frage nach, wieso u.a. auch Marx/ Engels in ihrer Analyse von Ausbeutung und Gewinnaufteilung der Welt praktisch nie woke über die Rolle der Sklaverei nachdenken, bzw. offenkundige historische Ereignisse des erfolgten Widerstands wie beispielsweise die haitianische Revolution vollkommen tilgen zugunsten eines noch ausstehenden erlösenden Revolutionsplanspiels von unten. Als zentrales Konzept der Undienlichkeit macht Därmann die quälend zu lesenden Methoden bewusster Materialsabotage an sich selbst der verschleppten Menschen aus: Suizide, Verstümmelungen, alle Arten des Fliegens genannten Rückführens ihrer unversehrten Seele aus den willkürlichen Händen der ausübenden Gewalt, die, nicht selten sexualisiert, wiederum ihren Rückeinschlag über de Sades u.a. Schriften ins sensuelle Körpernarrativ des Westens gefunden habe. Das nüchterne Schildern des Undienlichmachens auf der einen Seite und des absichtlichen Gegen-Ausübens von Herrschaft durch Gewalt über den Körper (Lynchen, öffentliches Strafen, Verstümmeln, Verbrennen...) bildet die Trauma-Achse dieses Handbuchs der Gewaltgeschichte, die konsequenterweise in der Verstrickung der politischen Philosophien Schmitts und Heideggers in die industrielle Vernichtung des Judentums im 20. Jahrhunderts gipfelt. Dabei stehen die Zitataussagen Heideggers aus den Schwarzen Heften, die nicht nur den Nationalsozialismus als „brutale Überwindung der Metaphysik“ preisen wie den Messias selbst, sondern ganz explizit die „jüdische Vernichtung“ als dafür unumgänglich einfordern, als entsetzliche Kulmination einer alternativen (politischen) Philosophiegeschichte, an deren abschließender Betrachtung Därmanns, Heidegger & Co könnten heute nurmehr von historischem Betrachtungsinteresse sein, ihre philosophischen Modelle basierten auf verbrecherischem Sozialverstehen, nach dieser Leküre wohl wenig Zweifel bestehen dürften. Undienlichkeit betreibt notwendige schonungslose Aufklärung. Matthes & Seitz Berlin hat ein ebenso mutiges wie wissenschaftlich aufbereitetes (über 200 Seiten Quellenangaben/ Anmerkungsapparat) Schriftwerk des Grauens veröffentlicht, von umstürzlerischer Sichtweise auf lange unbeschadet und unangetastet gestandene Gedankengebäude.

Därmann Undienlichkeit: Matthes & Seitz Berlin 2020 978-3957578747 510 S. 38 €

 

 

Die Affen Gottes Wyndham Lewis

 

Ganz lustig, nicht wahr? Mit Wyndham Lewis Monumental-Roman Die Affen Gottes liegt ein kontroverses Zeugnis der Moderne erstmalig in deutscher Übersetzung (Jochen Beyse, Rita Seuß) vor. Lewis brachte sein satirisch angelegtes Panorama der Londoner Kunstszene ursprünglich 1930 heraus, erntete geteiltes Echo und wandte sich in Abkehr und letztlich Unverstandenheit offen dem Faschismus zu, dem er trotz gelegentlicher „Volten“ (wie es auf dem Buchumschlag heißt) treu blieb. Ezra Pound galt als Bewunderer der Affen Gottes. Spätestens hier sollte Hellhörigkeit einsetzen. Der bei Diaphanes erschienene, ansprechend aufgemachte Wälzer besitzt zwar ein umfangreiches Nachwort nebst Register, nimmt darin aber wenig ausreichend Stellung zum machwerkartigen Charakter dieser späten Ulysses-Trittbrettfahrt. Tonal anders gelagert als das Joycesche Universum oder das zeitgleich entstehende Werk Virgina Woolfs (die beide von Lewis‘ reaktionärer Schelte aufs Korn genommen werden) und erst recht anders als Foster Wallace‘ später Unendlicher Spaß, sind Die Affen Gottes kein bisschen progressiv-monströs, sondern im tiefsten Licht menschenverachtend feindselig. Es wimmelt in dem konzeptlos aneinandergereihten Panoptikum damaliger MäzenInnen, Parvenüs, BlenderInnen von (Empire-) sprachlichen Aussetzern: rassistische, anti-semitische, sexistische, homophobe Lingo, die nicht ausschließlich den Figuren in den Mund gelegt wird, sondern ganz explizit der neutralen Erzählstimme entgleist. Das Buch ist zu großen Teilen ein veritables Hate-Fest von Zuschreibungen und gift-begrifflichen Bezeichnungen, deren traurige Aktualität allen NachwortschreiberInnen (hier: Paul Edwards) ein höheres Anliegen hätten sein müssen zu kennzeichnen, als Lewis‘ florierende Kreativität in den Vordergrund zu stellen – welche im Übrigen ihrer Zeit zu spät gekommen ist und auch nicht über sie hinaus zu bedeuten gewillt ist. Eine kritischere Ausgabe wäre notwendig, um die totale Toxizität dieses männlich-selbstmitleidigen Missverstehens und Ausübens von Sprachkunst als Neuausgabe zu rechtfertigen.

Lewis (1882-1957) gehörte als Bildender Künstler vor dem Ersten Weltkrieg zur Avantgarde (Vortizismus, BLAST), doch fällt er mit diesem traurigen Pseudo-Epos (wie Pound und andere) in seine selbstverfertigte Grube. Auch der Integrität von Satire muss getraut werden können. Wer solch Format lediglich nutzt, um einmal richtig abledern zu können, verrät nicht nur die Kunst, sondern die Gemeinschaft dazu. Die Affen Gottes disqualifiziert sich für praktisch jede Lektüre, zu wütend macht der weithin langatmig und selbstgerecht verfasste Rundumschlag: „... sie gertrudesteinerten vor sich hin“. Einzig Wyndham Lewis‘ Zeichnungen, die als Originale zwischen den Kapiteln abgedruckt sind, leuchten noch als veritabel mehrdeutige künstlerische Aussagen. Sie schlagen die Brücke zu einem Künstler, der etwas zu sagen hatte, bevor er nichts mehr zu sagen hatte und anti-proportional lauter wurde.

Lewis Die Affen Gottes: Diaphanes 2020 978-3035803464 776 S. 40 €

 

Besprechungen erscheint unregelmäßig bei Jonis Hartmann