Enzyklopädie der russischen Seele Viktor Jerofejew

 

Ich liebe Tafelrunden, die schief gehen „Die russische Geschichte besteht mehr aus Witzen als aus Chroniken.“ Russen seien „Meister des Ekels, lange vor Sartre.“

„Der Russe hofft schon auf gar nichts mehr. „Auf gut Glück“ ist veraltet, ungefähr wie „gnädiger Herr“.“

„Die russische Gastfreundschaft ist von ihrer Mission egalitär. Alle im Aufstoßen gleichmachen.“

Diese und viele weitere vermeintliche Sinnsprüche, Sprichwörter, Miniaturen und Bruchstücke eines Narrativs bilden den in den Jahren 1997-1999 verfassten Roman Enzyklopädie der russischen Seele von Viktor Jerofejew, aufsehenerregend zynisch, widerständig und schwer zu erfassen. Die Melange aus Satire und bitteren Zeitgenossenkommentar verfranzt sich absichtlich in Zuneigung zur „Rus“ und offener Ablehnung des Staatsapparates namens Russland, ähnlich Jerofejew selbst, der nicht ins Exil geht und doch unter verschärfter Beobachtung steht. „Ich bin kein Ausländer im eigenen Land, aber ich bin auch nicht sein plattgemachter Bürger.“ Es taucht Gregory Peck auf, als seltsamer Lotse, vor allem der Graue, eine eigenartige halbdissidentische Figur, die gewalttätig, „umgeben von trüben Leuten“ als eine Art Punk oder Mr Bungle tut, was man nicht sollte.

„Guten Tag! Warum grüßen Sie nicht?“

„Keine Lust.“

Häufig sind die Geschmacklosigkeiten zwischen pathetischen Anmerkungen versteckt, Misogynie mit Ausgestelltheit verkokettiert, dann wiederum glasklare politische Aussagen auf den Punkt gebracht, traurig, zum Resignieren. Jerofejew reibt sich ab auf der Suche nach etwas, das sich am Ende als konturlos herausstellt, obwohl es vor Details strotzt – zum Teil sich widerspricht. Sein wütendes zerrissenes Buch gegen den „Scheißegalismus“.

„Russland vergisst man nicht. Alles dort ist schlecht, aber nicht einfach schlecht, sondern auf wunderbare Weise schlecht.“

Geschichte

Nicht ein einziger Sonnentag.“

Jerofejew Enzyklopädie der russischen Seele: Matthes&Seitz Berlin 2021 978-3957579522 302 Seiten

 

 

Fern von hier Adelheid Duvanel

 

Menschenböller Kürzlich hat der Limmat Verlag das gesamte erzählerische Werk von Adelheid Duvanel herausgebracht. Eine Fundgrube. Die Basler Autorin, notorisch unter dem Radar eines sogenannten Marktes, hat von den 60er Jahren bis zu ihrem Tod 1996 kontinuierlich veröffentlicht, prinzipiell genau einen einzigen Typ Text, den sie zu Lebzeiten in verschiedenen Einzelbänden unter anderem bei Luchterhand publizierte. Man könnte vielleicht konstatieren, dass Duvanel zwanghaft die gleichgute Literatur schrieb. Ihre Textform, die extrem kurze Miniatur, fast durchgängig eineinhalb Seiten lang, folgt dem stets gleichen Schema mit jeweils überraschenden Variationen. Manchmal erstreckt sich die Schilderung aus dem Leben von Randexistenzen – alle mit Namen, schon in der ersten Zeile genannt, nie wiederholt – auch auf bis zu fünf weitere Buchseiten. Ihre Texte sind wie ein Ritus, sie verhandeln glaubhafte Biografien in einer surrealen Sprache, die als Ausweg erscheint. Die Themen sind Gewalt, Drogensucht, Psychosen in Verbindung mit dysfunktionalen Bindungen, dargeboten in einem Reigen von Klischeeinteraktionen, die, wenn sie nicht die Realität so treffend abbilden würden, eigentlich als Parodien durchgingen. So sind Lachen und Hals, der sich dabei verschluckt, in Fern von hier nicht zu trennen. „Ihr Herz kopiert die Schläge des Balls gegen das Garagentor: bumm, bumm.“

„Wie immer, wenn der Wind weht, konzentrierte er sich vor allem auf mich; meine Kleider flatterten wild, während die Kleider der andern Leute kaum zitterten.“

Mit Vorliebe beschreibt Duvanel verknüpfte Details oder Wetter, „Sonne, die einbusige Mutter“, um zügig zu ihren Protagonist:innen zu kommen, wie z.B. Der Junge mit dem Fernrohrknochen namens „Och“. Sie schreibt an einer Stelle: „ich hatte nicht nur AUSSEN, sondern auch INNEN jede Orientierung verloren.“ Duvanel, die unter Medikamenteneinfluss im Park erfroren ist, erscheint als Mensch beinahe einer ihrer Erzählungen entsprungen. Früh fand sie die textliche Perfektion in eigener Form, wie z.B. im herausragenden August, Außenseiter von 1982. Unnachahmlich reiht sich in diesem Band Text an Text, die fast 800 Seiten in Fern von hier in einem Zug zu lesen, wird den außerordentlich dichten Texten Duvanels nicht gerecht, das geht nur in Dosen. (Nicht ganz sattelfest ist ihr außenseiterliches Vokabular. Ihrer Zeit verhaftet, drängen sich N- und Z-Worte erheblich auf, wirken nicht absichtlich gesetzt – aber...)

„[...] Ich kann die fremde Zunge nicht vergessen, an der ich selbstvergessen gelutscht habe. Ich möchte eine Taucherausrüstung kaufen, mit der Harpune eine Krake schießen und sie an einem Felsen weichschlagen. Ich denke plötzlich, dass ich einen Mann brauche, verlasse den Balkon, die Wohnung, das Haus und begebe mich in das Dorf, um mich anzubieten.“

„Eine Zeitlang dachte ich, nicht mehr weiterleben zu können, aber ich trage meinen Rücken immer noch wie einen Sack auf dem Genick, Tag für Tag.“

Duvanel ist eine Sprachkünstlerin ersten Ranges. Dem Limmat Verlag sei gedankt für diesen ersten Gesamtband.

Duvanel Fern von hier: Limmat 2021 978-3039260133 792 Seiten

 

 

Tod auf Raten Louis-Ferdinand Céline

 

Sein Laster war Ampeln Tod auf Raten hieß bislang Tod auf Kredit, was sich weniger erschlossen habe, so Neu-Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel im Nachwort. Das Leben als jeden Tag ein Stückchen Sterben, ist in Célines zweitem Roman, eine semi-fiktionale Biografie, geschildertes wie zwischen allen Zeilen steckendes Programm. In einer Pariser Kindheit voller Niederträchtigkeiten wächst der Protagonist auf, gleichzeitig der Erzähler. Niemand vertraut Ferdinand, gestempelt zum Idioten der Familie. Kein Job, keine Ausbildung gelingt. „Bist du also noch verdorbener, noch heimtückischer, noch widerlicher, als ich dachte, Ferdinand?“, sagt der Vater zu ihm. Er malocht, vagabundiert in Passagen, Läden, auf Märkten, bei einem Schulintermezzo in England, lernt karikaturhafte Damen und Herren kennen – und speit einen einzigen Céline-Schwall Unflätigkeiten gegen alles und jeden aus. Diese Sprache, ohne Syntax, übertrieben, gedehnt, verbogen, verlogen und hassgetränkt, ist die kontroverse Gabe Célines. Einem Sprechkünstler, dem Schmidt-Henkel eine inspiriert-skrupulöse Neuübersetzung schenkt, der als misogyner, antisemitischer Quälgeist in Erinnerung bleibt, der ohne Reue, mehrfach verurteilt fast wie ein Prototyp des heutigen Phänomens Querdenken seine Raten Tod abbezahlte. (Bis heute tauchen unveröffentlichte Manuskriptstapel auf, die noch „viel antisemitischer als gedacht“, den Ruf Célines pflastern.)

Schmidt-Henkels Nachwort beleuchtet den verbrecherischen Teil des Werks, argumentiert aber auch pro Kunstfertigkeit des Ganzen. Gleichwohl ist dies kaum zu trennen. In jedem Werk Célines steckt auch Céline, mehr oder weniger offen. Es ist eine Frage der Lesenden- und Veröffentlichendenverantwortung, was daraus machen, welche Teile und wie zu rezipieren. Das Krakeelen in Tod auf Raten wirkt wie eine Vorbereitung auf alles, was noch kommen würde. Trotzdem gelingt es Céline, ein visionär drastisches Bild von Paris zu zeichnen, das von apokalyptischer Unmöglichkeit aufzusteigen getränkt ist.

„Damit verdienten wir unsere Brötchen, immer noch leichter, als Bahnschienen zu schottern.“ Eine Smogwelt aus Sperma, Dreck, Resten belegt den Stadtraum. Sie reproduziert sich in der Sprache der Beteiligten, ist wie das Weltbild ihres Autoren selten von kurzen Blitzern Helligkeit, Humor oder Wärme gestreift. „Magie herrschte in unserer Butze.“ Die Kapitel des langen Romans rhythmisieren sich wie matschige, besudelte Fotos in einem dunklen Album. Über Ferdinands Vater im Verhältnis zu dessen Schwester, Tante Hélène, heißt es: „Keinerlei Festigkeit gab es an ihr. Alles war Fleisch, Sinnlichkeit, Musik. Vater brauchte nur an sie zu denken, schon musste er kotzen“.

Tod auf Raten ist frisch und zugleich noch immer/ für immer schwierig in der neuen Übersetzung. Ein trauriges illusionsloses Werk Skatophilie voller seltsamer, doch durchdringender Bilder.

„In vorderster Reihe an unseren Fenstern entstand vor den Scheiben eine Art Großmuttergewühle! Ah! das war hübsch! ... Sie klebten an den Fensterläden, wahrscheinlich mindestens fünfzig ... Und quakten lauter als der ganze Rest zusammen ... Sie zogen einander ihre Regenschirme über den Kopf!“

Céline Tod auf Raten: Rowohlt 2021 978 3498009472 816 Seiten

 

 

Berge im Kopf Robert Macfarlane

 

Die Hinabschauer [...] wo Granit herumschwappt wie Haferschleim Robert Macfarlanes Buchdebüt Berge im Kopf stammt aus dem Jahr 2003. Es ist nun als Naturkunden 65 erschienen und bei aller Begeisterung und Schilderungsqualität rund um das Thema Bergsteigen, vielmehr -bezwingen, darf der Einzug der Klimawende als unleugbare Offensichtlichkeit heute nicht gar nicht in solchem Werk auftauchen. Die Gletscher, die Macfarlane samt ihrer Faszinationsgeschichte porträtiert, sie sind nicht mehr. Die Müllhaufen am Mt. Everest, sie sind noch viel größer als der kleine Nebensatz in dem Kapitel. Die Geschichte der britischen (und sonstigen europäischen) Invasion der Welt (nicht nur der Berge) ist nicht nur eine Story von sogenanntem Entdeckergeist, der zwar auch kritisch von Macfarlane ausgeleuchtet wird, es ist die unwiderleglich widerliche Geschichte unendlichen Raubes, gieriger Zerstörung, mutwilligem Radiergummi und rücksichtsloser Expansion von Bessergestellten. Wo immer die Rede ist von Strapazen dieser und jener Expedition, besonders Mallorys drei verhängnisvolle Züge auf den Mount Everest, beschleicht einem beim Lesen ein Gefühl: Das ist nicht die ausschließliche Seite des Eingriffs.

Das zweifelsohne ansehnlich verfasste wie ausgestattete Buch ist Jahre zurück, es fehlt die Auseinandersetzung oder Aufarbeitung jener sogenannten expeditorischen Gesten, sei sie im Sturm, in der Todeszone, in glühender Wüste aus dem Westen. Bezeichnenderweise schreibt Macfarlane, dass Sherpa in ihrem ursprünglichen Vokabular kein Wort für Gipfel haben. Wozu? Es braucht nur „Pass“ oder „Durchgang“ oder „Hang“, oben wohnen göttliche Wesen, unten ist es untersagt, in ihr Reich einzutreten (um was genau eigentlich zu tun?). Das Gegenteil findet in den Köpfen der Westler statt, der Gipfel lässt sie nicht los, muss bezwungen werden, koste es das eigene Leben. Vergleichbar einem Drogenrausch nimmt die gefühlsmäßige Besessenheit ein ums andere Mal den Autor Macfarlane selbst in Beschlag, der es allerdings versteht zwischen phänomenologischer Betrachtung und eigenen Erfahrungen am Berg hin und herzuschwenken, sie zu einer saftigen Collage aus Wissenschaft, Kunst, Verklärung & sportlichem Nervenkitzel zu verweben.

„Was wir einen Berg nennen, ist also in Wirklichkeit das Zusammenspiel der physischen Erscheinungsformen der Welt und der menschlichen Vorstellungskraft – ein Berg in unserem Kopf.“

„Große Höhen ermöglichen eine erweiterte Perspektive: Der Blick von einem Gipfel macht stark. Auf gewisse Weise löscht er einen aber auch aus.“

Geschickt ist Macfarlane im Einsatz von historischem Textmaterial, zum Beispiel das Zitieren Barthes: „So ist das bei Mythen. Wie Roland Barthes zeigt, wirkt der Mythos „ökonomisch“ – er hebt die Komplexität menschlichen Handelns auf, er gibt ihnen die Einfachheit der Essenzen [...] er schafft eine wohltuende Klarheit: Die Dinge scheinen durch sich selbst Bedeutung zu erlangen.“

Berge im Kopf ist für sich betrachtet ein hübsch anschaulich geschlossenes Werk, das heute in Teilen bzw. in seiner Haltung überholt wirkt, bzw. Nachholbedarf hätte – eventuell mit einer aktuellen Benachwortung, so wie John Muirs Yosemite von Mordecai Ogada treffend in seine Zeit (und ihre Fatalitäten) eingeordnet worden ist an ähnlicher Stelle (Naturkunden 71).

Macfarlane Berge im Kopf: Matthes & Seitz Berlin 2021 978-3957575241 318 Seiten

 

 

Pippins Tochters Taschentuch Rosmarie Waldrop

 

Weise Punks Ann Cotten übersetzt Rosmarie Waldrops kunstvollen Roman Pippins Tochters Taschentuch aus den 80er Jahren. Wie Cotten in ihrem Nachwort, das auf eine Nachbemerkung von Ben Lerner folgt (nicht unbedingt nötig, der Roman kann für sich stehen), schreibt, sind Rosmarie und Keith Waldrop für sie Weise Punks, die sowohl ein experimentelles Werk vertreten, als auch anderen Lyriker:innen stets eine Zuflucht zu Hause in Providence und bei ihrem Verlag Burning Deck geboten haben.

Vorliegender Roman der 1935 in Kitzingen geborenen Rosmarie Waldrop ist ein von leichter Hand erzählter Erinnerungsreigen, der mit vielen familiären Verästelungen operiert. Hinzu schleichen sich Wagners Bayreuth („O Wotan, gib mir deinen Odem“), Musikantisches Empfinden, „Hitlerbraun“-Rückblicke auf Nazieindringen, Farbsituationen, Betrachtungen zu Ehe, Sex & Körper sowie Mythisches um das fallengelassene Taschentuch jener Tochter Pippins. Die Lockerheit der Erzählsprache täuscht. Sie kittet hauptsächlich. Denn wie Erinnerung funktioniert, nämlich fraktal, gebrochen, unzuverlässig, bildet Waldrop ab. In kurzen Abschnitten, deren eigenwillige Überschriften zugleich Abschweifungen, Zusammenfassungen, Bruchlinien sind, staut sich ein größer angelegtes Lebenspanorama – munter, manchmal augenzwinkernd, meist clever, oft uneigentlich erzählt.

„Ich erinnere mich an das Gefühl aus späteren Jahren: Die geladene Luft sprach meine Haut an.“

„Nicht einmal in den Wind lehnt er sich, wenn einer ist.“

„Ihre Brust spannte sich mit schwirrendem Summen, und sie verzehrte die Luft, die grünen Hügel von Bayreuth, bis auf den Stein der Häuser, um diesen inneren Kontinent zu füttern, die pulsierenden Flüsse, die die neue Insel umkreisten.“

Neben Komponisten, Familienmitgliedern, Ehen und viel Verlangen auf dieser beiläufigen Romanreise hat auch der legendäre Dichtermythos Wolgamot seinen Auftritt. „Namen sind Rhythmus, sagt John Barton Wolgamot in seinem Buch In Sarah, Mencken, Christ and Beethoven There Were Men an Women.“ Wie um diese These zu untermauern, untersucht Rosmarie Waldrop eine Menge meist deutscher Namen in dem Text, die aus lyrischer Warte zugleich Höhepunkte im Buch sind: Kreisleiter Müller, Laff, Vater Ramberg, Doppler, Professor Acker, die Mumma-Partitur, Graudenz, der alte Porzel, Druckerwerkstatt Kummor, Vaters Knie mit meiner Puppe Ulli ...

Cottens Übersetzung besitzt schönen Fluss, sie bleibt zurückhaltend. Gerade mit ihrer vermeintlichen Glätte erreicht sie Ausmaße, die oft eher komplexer Syntax zugesprochen werden.

Waldrop Pippins Tochters Taschentuch: Suhrkamp 2021 978-3518225189 275 Seiten

 

 

365 vorhergesagte Gedichte Álvaro Seiça Mathias Traxler

 

Der Knochenfauteuil „Unkalkulierte Attraktion von Farben“ lautet eine Textstelle. In etwa exakt so bieten sich die 365 vorhergesagten Gedichte von Alvaro Seiça / Mathias Traxler an. Wer übersetzt hier eigentlich wen? Traxler setzt die gängigen (kanonischen) Tradierungen außer Kraft, indem er zusammen mit dem portugiesischen Lyriker Seiça diesen Text in mehrere Spuren erweitert, verschiedene Sprachen hineinorchestriert. Es ist ein auditives Verfahren, das eher an zeitgenössische additional Tracks auf einem Remix-Pult erinnert. Traxler fügt den Gedichten hinzu, was sich wohl instrumentartig angeboten hat. Er verwischt, klärt auf, findet neue Bezüge. Auf u.a. Bandcamp kann man die auditorischen Impulse nachhören, im Band selbst – in der Kölner Parasitenpresse erschienen – berichtet das Nachwort über die wetter-respektiven Einfallsmethoden Traxlers, die Lyrik Alvaro Seiças umzufusionieren.

„ / die Handtaschen des Raumes fühlen

sich ein / Schmetterling an es war

gut dass keinmal einer vergaß /

den Bügel“

Das Buch ist in endlose wundervolle Abschnitte eingeteilt, deren Genregrenzen fließen wie jede einzelne Zeile selbst. Kaum stellt sich etwas scharf oder überscharf, ist es im nächsten Moment blurred edges oder scheinbar extrem weit hergeholt. Dann wieder sehr einfach. Auch die Zeichensetzung wird stark angepasst bis verfreiheitet. Es ist die sprachliche (und grammatische) Flexibilität von Sprache, die dieses Buch feiert. Er ist weniger verstörend als atemhaft experimentell, gleichzeitig schwierig zu fassen von einem Duo, das etwas vorherzusagen hat. Übersetzung als ein Angebot.

„ // ich habe

Änderungen vorgenommen um neues Land zu

schaffen um Anker zu lichten

 

Mit dem Whiskey verlängert sich die Farbe der herbstlichen

Blätter in die Nacht hinein.

<das geht gut weiter>

Seiça Traxler 365 vorhergesagte Gedichte: parasitenpresse Köln 2021 96 Seiten

 

 

Yosemite John Muir Mordecai Ogada

 

Ja, Sir Amerika Der sogenannte Vater der Nationalparks John Muir war ein naturliebender Mensch, der für nämliche einiges tat und zu Recht als einer der ersten Nature Writer gilt. Sein Buch Yosemite, ein Reisebericht aus dem späten 19. Jahrhundert über das kalifornische Naturwunder ist nun bei Matthes & Seitz herausgekommen. Paradoxerweise als ein entlarvendes Antibuch. Denn wie Mordecai Ogada in seinem aufsehenerregenden Vorwort klarmacht – ein kurzer Text, der vermutlich bald zu den Klassikern der antirassistischen Aufklärung zählen wird – ist Muir nicht nur als Person, sondern ganz besonders in seinem ideellen Werk „Nationalpark“ eine feiste Personifizierung der weißen Reinheitsidee einer Naturrettung vor vordergründig kapitalistisch-ziviler Expansion, die de facto aber einem Raub dieser Natur ihren indigenen Nutzer:innen gleichkommt, die vertrieben, beschimpft und obwohl jahrtausendelang ko-existent, resilient mit den „Naturwundern“, diese doch in den Augen Muirs und anderer „beflecken“ und „verunreinigen“. Ogada macht klar, dass nicht nur Muir und der unfassbare „Teddy“ Roosevelt in Doppelzunge die Natur schützten, damit weiße Vermögende wie sie selbst, exklusiv ohne den Anblick indigener Bewohner:innen an Tieren schießen können, was sie wollen und taten und bis heute tun, sondern eine ganze Institution sogenannter Wissenschaft im Vermessen und Musealisieren es vorzieht, auch letzte lebende Exemplare von Arten zu töten, um sie zu konservieren. Oder wie Joni Mitchell einmal sang: „Cut down all the trees, put them in a tree museum.”

Ogadas flammendes Vorwort ist klar, unmissverständlich und ordnet den folgenden Text Muirs so zutreffend ein, rüttelt derart an den bis heute verehrten Denkmälern dieser Ikonen weißer „Forscher“, dass es verblüfft, wie Muirs Schreiben danach in die Offensichtlichkeits-Falle tappt, den Ogada schlicht „einen destruktiven Menschen“ nennt. „Menschen, die ihrem Konsum Schranken auferlegen müssen, da er weit über ihre Bedürfnisse hinausgeht und in den Bereich mutwilliger Zerstörung hineinreicht. Naturschutz ist ein Begriff, der sich gut verträgt mit Widersprüchen und Doppelzüngigkeit, wie etwa, wenn Wildtiere nicht aufgrund ihres intrinsischen Wertes geschützt werden, sondern um die Begierden derjenigen zu befriedigen, die Herrschaft über diese Wildtiere anstreben“.

Muirs Bericht ist geradezu peinlich. Seine Beschreibung von der Reihe nach Bäumen, Felsen, Blumen, Vögeln ist unterirdische Prosa. Eine Auswahl seiner Kohorte Lieblingsadjektive, die sich wahllos im kolonialisierten Papier tummeln: „erhaben, kühn, prächtig, wild, kolossal, fröhlich, wundervoll, stattlich, entzückend, hervorragend, göttlich, wunderbar“, das ganze jeweils noch oft in Steigerungen. Er scheut nicht vor Sätzen wie: „Schnee, der schließlich schmilzt und fröhlich seine Heimreise zum Ozean antritt“, oder „Bäume, die sich voller Verehrung für die Stürme vor ihnen verbeugen.“

Nach diesen Vermessungen, Bestandsaufnahmen des Valleys, im Grunde genommen grobe, weil konstant überbelichtete Fotos im totalen Affekt einer kleinkarierten Epiphanie geschossen, folgen dennoch einige Kurzporträts von Menschen, die ein wenig an z.B. Thoreaus genauen Strich erinnern, wie die Mini-Story um den Bergsteiger Jack Conway, bei dem auch Muirs Angst vor dem als richtig eingeschätzten Massentourismus aufblitzt oder seine Rekapitulation der Vertreibung der Native Americans (wie von Ogada bereits benannt, als im Inneren gutgeheißen von Muir in besagtem „Reinheitsgefühl“) aus Yosemite, die unter anderem tatsächlich von einem gewissen Major Savage durchgeführt worden ist.

Das Buch ist so verblüffend ambivalent wie die Person Muir selbst. Ohne Muir keine Nationalparks. Durch ihn eine besonders subtile Herrschaftsform weißer Provenienz, die heute mehr denn je aufgeklärt und aufgearbeitet und neu ausgehandelt gehört. Dass ist Mordecai Ogadas Verdienst, dessen Text allein dieses Buch lohnt, da es Muir und seinen Bericht an die Stelle setzt, an die er gehört. Eine kontroverse, interessante und mutige Publikation, die weit über das bisherige Spektrum der Reihe Naturkunden herausragt, indem sie das Buch zur Performance macht.

Muir Ogada Yosemite: Matthes & Seitz Berlin 2021 978-3957578778 255 Seiten

 

 

Ich will doch immer nur kriegen, was ich haben will Franz Dobler Juliane Liebert

 

Räuber Kneißl Kultmensch Franz Dobler hat insgesamt drei Gedichtbände veröffentlicht. Sie sind nicht das Herz seiner literarisch-widerständigen Existenz, diese liegt eher in den Romanen und im Auflegen etc., doch alle drei Bände haben Herz. Insofern, dass man ihnen ihre Unverstelltheit an keiner Stelle absprechen kann. Beim Lesen bekommt man den Eindruck, Dobler spricht/ dichtet direkt selbst, vermutlich würde er sagen: Hier wird noch persönlich gedichtet. Sein lyrisches Ich jedenfalls ist nicht nur wortkarg, es ist patzig und an vielen Stellen ein wenig aus dem zeitgenössischen Takt. Mehr noch, es herrscht eine eher skeptische Haltung der lyrischen Form an sich vor. Als ob sich Dobler als Dichter nicht ganz über den Weg traut, trauen sich seine Gedichte in puncto offenes Sprachspiel nicht viel. Im Gegenteil, sie brauchen Doblers Herz, seine Referenzen (von Country über Kinski bis süddeutsche Regionalia), seine Urteile, Vertappungen, Seufzer. Vor allem brauchen sie vorliegenden Gesamtband: Ich will doch immer nur kriegen was ich haben will versammelt die Bände-Trilogie als gutausgestattetes Hardcover mitsamt aufschlussreichem Interview und verrauschten Fotografien von Juliane Liebert (starfruit publications). Insbesondere das Zusammenspiel mit Lieberts Momentaufnahmen macht im Wechsel mit den Doblerschen Lyrikversuchen einen spannenden Raum auf. Sie reißen sich gegenseitig hoch.

Doblers Verse können bisweilen richtig gut sein, mit wenigen Worten, unter aller Ohr hindurch Dinge überraschend, auch frisch auf den Punkt bringen. Aber die Gedichte schwanken untereinander dermaßen, als wären sie alle zusammen eine Bar, mit unterschiedlichen Pegelständen. Und auch die Beständigkeit in den Einzelgedichten steigt, fällt permanent. Besonders Doblers Hang zu Schlusspointen, sein Unterschätzen der Leser:innen können mitunter daneben gehen, das Ganze zum Einsturz bringen. Er jedoch steht dazu. „Mir ist so langweilig/ meine Schuhe laufen schon/ ohne mich rum.“

Seine Konsequenz zeigt sich im Interview. Franz Dobler schert sich um eine ganze Menge, nur nicht um Ungelebtheiten im Schreiben. Um seine Gedichte auf den Punkt zu bringen: sie sind authentisch – das ohne jeden Verdacht ausgesprochen. Zusammen mit Liebert bilden sie eine unalltägliche Leseerfahrung aus, die weniger in ihren Fails als in ihrer Gesamtheit zu lesen sein sollte. Vielleicht wie eine lyrische Biografie mit Höhen und Tiefen, wie sie einem tingelnden Countrymusician stehen würde, mit denen sich Dobler als Archivar, Konservator und Lebendighalter gern umgibt.

„Jim Beam bläst den Kopf weg

Johnnie Walker macht eine Wampe

Jameson ist Dreck und

Ballantine’s eine Pampe.

 

Jack Daniel’s zersetzt den Magen

Wild Turkey dreht ihn um

Four Roses liegt drin wie ein Klotz

Tullamore Dew ist dünn wie Stroh

Canadian Club kannst du vergessen

und Bushmills hab ich auch gefressen

Glenfiddich ein Angebergesöff

Paddy eine Plörre und

VAT 69 verträgt kein Schwein.

 

Buffalo Trace stinkt

George Dickel ist schlimmer

Fighting Cock viel schlimmer

Cutty Sark was für Anlagebetrüger

Heaven Hill für Messdiener

Rebel Yell Jauchegrube

Black Velvet Damenbinde

Rittenhouse Rye riecht im Abgang.

[...]“

Dobler / Liebert Ich will doch immer nur kriegen was ich haben will: Starfruit 2020 978-3922895398 286 Seiten

 

 

Ästhetik, Marxismus, Ontologie Georg Lukács

 

Was objektiv nicht im Stein steckt Mit Ästhetik, Marxismus, Ontologie, ausgewählten Texten des Ungarn Georg Lukács bei Suhrkamp wagen die Herausgeber Rüdiger Dannemann und Axel Honneth etwas. Denn es gibt wohl wenige Intellektuelle des 20. Jahrhunderts, die sich in den Mühlen der Geschichte so verfangen haben wie Lukács. Er, dessen gleichnamiges Institut mitsamt Statue 2017 aus Budapest verschwand, infolge Säuberungen von wohlbekannter Hand, hätte definitiv nicht verdient, als reiner Ideologe eines bis zum abstrakten Phantasma verehrten Marxismus gestempelt zu sein. Doch auch diese Textauswahl, die von den frühesten Veröffentlichungen vor dem 1. Weltkrieg bis zu seinem Todesjahr 1971 reicht – ohne explizit Hauptwerke einzubeziehen – kann nicht verhehlen, dass dort jemand früh, nämlich nach der russischen Revolution, aus irgendeinem nicht näher bekannten Grund seine Neugier erlöschen ließ und in eine verquaste Sprache aus Resten von Menschinteresse, das noch in den frühesten Schriften zur Ästhetik glüht, und verhungernder Ideologie geriet. Aus einer quirligen Prosa wird übersättigte Hülsenrhetorik in zum Teil blinden Essays. Sprachliche Adjektiv-Exzesse reihen sich bis zum Schluss, auch in den sogenannten spätphasigen ontologischen Texten, auf der Suche nach einem finalen Ethik-Werk, in einer Weise aneinander, die den – im Übrigen reichgeborenen – Lukács zu einem typischen „Erklärbär“ eines längst überfällig vergangenen Akademismus macht, dessen Abenteuer Denken mit dem Eintritt ins Blockleben der Institute beendet war. Dennoch ist besonders das lange Interview aus dem Spiegel von 1970 gegen Ende spannend, hört man dort doch den abseits vom Manuskript parlierenden Haltungshelden, der u.a. Folgendes sagt: „Was man in Deutschland z.B. Redefreiheit nennt, ist nichts weiter als die Routine der Schriftsteller, die genau wissen, in welcher Zeitung sie in welchem Ton schreiben können.“

Selbstverständlich gibt es Höhepunkte, die noch immer sprühen, wie zum Beispiel der kluge Essay über das Grand Hotel „Abgrund“, der sich mit reaktionärer Mystik auseinandersetzt. Wie auch viele gesteigerte Bonmots diesen fast 600 Seiten starken Band durchziehen: „Was aber für die Bourgeoisie nützlich, ist für das Proletariat fast ausnahmslos bedenklich.“ Einen Schlüssel zur Verbindung von Leben und Werk bei Lukács liefert seine Auseinandersetzung mit Literatur, die auch in seiner intellektuellen Karriere den Startwurf hatte. Er schreibt: „eine nicht gewertete Literatur gibt es nicht und das bedeutet, dass es keine Literatur gibt, die nicht mit unseren persönlichsten, innerlichsten Lebensinhalten in stärkerem oder schwächerem, aber unzertrennlichem Zusammenhang steht.“

Lukács Ästhetik, Marxismus, Ontologie: Suhrkamp 2021 978-3518299395 572 Seiten

 

 

Mütze 29 + 30

 

Einen Blick ins Freue Chris Verfuß aus der Hölderlin-Wiese öffnet Mütze 29 mit einer Beschreibung von Moabitis, der ersten vielleicht, wo „unten Eltern, die hupen und weinen.“ Sandra Burkhardt verwebt Hölderlins schwäbische Sprachhabung mit Textfetzen zu einem unterhaltsamen, überraschendem Panorama, das sich türmt und zimmert. Nawas Ali setzt urban hinzu: „Es gibt keinen Turm hier. Das Landesamt für Stadtplanung hat ihn abgerissen und eine Shisha-Bar an seiner Stelle eröffnet.“

Zu Pronomen dichtet Rachel Blau DuPlessis, übersetzt von Stefan Ripplinger:

„[...] eine Art Blutgruppe [...] sich ausbreitend

vermittels einer spektakulären Gruppe

buntscheckiger Komparsen.“

Auch Anmerkungen über „Vogel-Verpuffungen“ gibt es. In ihrem Traumgedicht ist die Hälfte durchgestrichen oder unkenntlich gemacht worden durch tiefes Schwarz, was realistisch scheint: „Allerdings muss die Sprache der Schwärzungen und Streichungen / sehr klar sein. Völlig ausgeglichen.“

Gedichte von Veronica Forrest-Thompson, jungverstorben, hat Norbert Lange mit formaler Präzision übertragen. Ihre Sprache ist in vielen Zeiten sowie Einflüssen verortbar, bis in „die Arme vom trüben Dis“.

„Wir wissen alle Bescheid.

Die Liebe ist die Hölle,

Aus diesem Grund ist Aphrodite auch Persephone,

Herrscherin über Liebe und Tod.

Liebe mordet Menschen und die Polizei kann sie nicht stoppen.“

Lange, freche Gedichte, die ins Wirbeln geraten, dabei die kecken Referenzen auf Prynne & andere abwerfen wie bei einem Reste-Beisammensein mit Salzgebäck. Birgit Kempker startet ein Textglossar. Ihre Einträge mischen persönliche Wissenschaft mit Hülsen und Vorausschau. Aufregendes Gewimmel entsteht: „Warum verwechselst du alles?“

Störung. Du bist nicht die Art von Störung, die sie sich leisten können. Du bist nicht das Testkorn im Getriebe. Du bist zu teuer für dich. Du bist ein Luxus. Ein Licht an sich.“

Mütze 30 führt sowohl Veronica Forrest-Thompson als auch Birgit Kempkers Position fort. „Ich bau mit keinem Kind einen Regensimulator.“ Nun schreiben sich auch Dialoge in den zunehmend giftig-hysterischen Text ein. Aufgeschnappt? Eingeschnappt? „Ich glaube, ich liebe doch die Welt. Okay.“

Ein aufschlussreiches Gespräch zwischen Philippe Sollers und Francis Ponge schließt an, das Thomas Schestag übersetzt hat. Ponge sagt, „für einen Handwerker meiner Art sind Werk und Leben eins.“ Eigentlich ist es ein Monolog Ponges.

Jean Daive und Bernhard Böschenstein sprechen über Paul Celan. Dessen Bindungen zu Hölderlin, Büchner, besonders aber die Rolle des Übersetzenden Celan. „Es muss betont werden, dass, was George und Rilke initiiert haben, Celan fortgesetzt hat, das heißt, diese viel breiteren Perspektiven im Vergleich zu einer rein deutschen Tradition.“ Auch Adorno, Heidegger, Szondi, Kleist und die Golls spielen eine Rolle in der sympathisch respektvollen Konversation, die Herausgeber Urs Engeler selbst übersetzt hat.

Es folgt ein persönliches Schreiben Werner Hamachers Lieber Hans-Jost von 2013, in dem sich Zugänglichkeiten und „Poren“ anbieten. „Wir sind sie; wir, unser Sind. Wir sind unsre wandernde Mitte und geschehen als sie. Und wiederum: die Mitte ist wir und geschieht als uns.“

Im Schlussbeitrag Menschen, keine Geister hatte Christian Filips in der Neuen Nachbarschaft Moabit „neue Nachbarn beim zweiten, [...] bereits neue Freunde beim zehnten Bier.“

„Weitermachen ist Pflicht“ dichtet Luljeta Lleshanaku, der Text macht weiter, er begibt sich nach Albanien. Er erschließt sich psychogeografisch ein Land im Wandel, dessen angenommener Wandel nicht der ist, der sich abspielt. Geister wohnen nicht in vermeintlichen Geisterdörfern, sie sind auch weniger alt denn jung, sind eigentlich einst Vorboten von Aufschwung und Invest gewesen. Zwei nachdenkliche Mützen.

Mütze 29 + 30, herausgegeben von Urs Engeler, Schupfart 2021

 

 

Musik für die Toten und Auferstandenen Valzhyna Mort

 

Fahrstühle steigen auf wie Kotze Die vielfach ausgezeichnete Dichterin Valzhyna Mort legt mit Musik für die Toten und Auferstandenen einen weiteren wohlkomponierten Gedichtband vor. In der starken Übersetzung von Uljana Wolf und Katharina Narbutovič bauen sich weichkantige Trauersänge hintereinander auf, die allesamt, wie es der Titel andeutet, eine Verbindung zwischen Musik und Tod herstellen. Es sticht kein Gedicht heraus, es ist die Gesamtheit einer verwundeten Werkstimme, die interessanterweise zwischen Belarussisch und Englisch pendelt in der Abfassung der Gedichte, die in dem bei Suhrkamp publizierten Band fast durchweg zweisprachig abgedruckt sind, auf ihrem unbeirrten, manches Mal gespenstischen Weg. Mort, im US-amerikanischen Exil, verknüpft die nichtabreißend gewaltsame Geschichte von Belarus im 20. Jahrhundert bis heute mit ihren eigenen Erinnerungsbildern, die eine schwache aber einprägsame Vorstellung des Lebens in Minsk mitten zwischen Inszenierung und gelebter Angst geben.

„Kinder, wir lernten unseren Rhythmus

vom pissegescheckten Schluckauf der Fahrstühle

und vom ramponierten Blinken der Ampeln.“

Was jedoch diesen Band zu einem besonderen macht, beziehungsweise tatsächlich heraussticht, sind die Nachworte/ Essays von Mort, die auf die Gedichte folgen. Hier setzt sich die Autorin mit ihrer Poetologie sowie mit den speziellen Bedingungen ihrer Sprache(n) auseinander. Ihre Einsichten sind klug, auf den Punkt, sie gewähren etwas, das ihre vorhergehenden Gedichte nicht unbedingt können, die – nicht immer – bisweilen ein bisschen formelhaft abstrakt wirken: sie vermitteln eine unverstellte Gefühlserfahrung in dem Material, das Morts Sprachwelt bewohnt. „Es ist wie Vögel beobachten, nur dass man Wörter beobachtet.“ Zusammen, mit den beiden Teilen ergibt sich ein rundes gewichtiges Bild der Dichterinstimme.

Mort Musik für die Toten und Auferstandenen: Suhrkamp 2021 978-3518127667 142 Seiten

 

 

Fälle Daniil Charms

 

Er lebte und lebte, und plötzlich starb er Mit Fälle ist ein Daniil Charms- Meisterwerk erneut aufgelegt worden. In der brillant griffigen Übersetzung von Peter Urban, die alle absichtlichen Stumpfheiten, aber auch alle lyrischen Rhythmisierungen des russischen Avantgardisten gekonnt in ein einzigartiges Idiom bringt, das viel kopiert, aber letztlich nie erreicht worden ist, als bibliophile Ausgabe in der Friedenauer Presse. Charms erzählt von der Pieke auf, als habe es zuvor Literatur überhaupt nicht gegeben. Er erzählt brutal & stets auf eine geometrische Weise von den Fallstricken des Alltags, wie sie vor ihm nicht beleuchtet worden sind. Ohne ins Allegorische abzudriften, fallen ganz konkret Leute aus den Fenstern, vom Bürgersteig, reißen sich gegenseitig Teile aus dem Körper, dialogisieren sich in parodiehaften Theaterszenen die Seele fort [EVA: Oh, sieh mal, wie komisch der Fasan auf der Fasanin reitet“] & geraten, je ernsthafter Stalins Herrschaft fortschreitet zur Entstehungszeit der Texte, in immer düstere experimentelle Zerfleischungen.

„Vorfall in der Straßenbahn

Ljapunov ging zur Straßenbahn, Ljapunov ging zur Straßenbahn. In der Straßenbahn saß Sorokin, in der Straßenbahn saß Sorokin. Sorokin hatte eine elektrische Teemaschine gekauft und fuhr zu seiner Frau nach Hause. Er hatte eine elektrische Teemaschine gekauft und fuhr zu seiner Frau nach Hause.

In der Straßenbahn war es heiß, obwohl Türen und Fenster offenstanden. Sorokin hatte eine elektrische Teemaschine gekauft.“

Dass diese Texte komisch sind, bleibt ein Gerücht. Sie sind so ernst wie Buster Keatons Steinmiene. Sie sind todtraurig, gerade das ist das Komische an ihnen. Die mehrfache Lesbarkeit, die sowohl konkrete wie abstrakte Beschreibung von „Nicht-Passen“ ist das Programm des Daniil Charms, in immer neuen Varianten rasen die bornierten Personen durch Kürzesttexte, die nichts von ihrer Frische verloren haben, auf ihr meist bescheuertes Ende zu, das sie ereilt aus mindestens so abstrusen Verstrickketten wie die Final Destination Saga im Kino. „Die Schlange klatscht vor Vergnügen in die Hände.“

Die gähnenden Menschen, deren Unterkomplexität im Erzählen sie zu großen Modellen ihrer selbst macht, denen ein Kuckuck in den Mund fliegt, während sie gähnen, die Kneifzangen im Gebiss haben, Schraubenzieher etc. sind längst Weltliteratur. Nicht nur umfasst Fälle, die gleichnamige zyklische Sammlung – das Beste vom Besten von Charms –, auch den unvollendeten Roman Die alte Frau, griesgrämig erzählt, sowie eine große chronologische Sammlung Szenen, Dialoge, Skizzen. Charms Einfluss speziell auf heutige Textproduktion kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Sein schmales Werk ist mit dieser Veröffentlichung fast zur Gänze & in Relevanz festgehalten.

„***

Ein altes Männchen kratzte sich mit beiden Händen. Dort, wo er mit beiden Händen nicht hinkam, kratzte sich der Alte mit einer Hand, aber dafür ganz-ganz flink. Und dabei zwinkerte er flink mit den Augen.“

Charms Fälle: Friedenauer Presse 2021 978-3751806114 367 Seiten

 

 

Was ist ein Name Ana Luísa Amaral

 

Die Katze entzündete sich in der dunklen Nacht Thematisch weitgefasst, sind die philosophischen Gedichte von Ana Luísa Amaral in ihrem Band Was ist ein Name. Oder sind doch Gedichte das Thema der Gedichte? Übersetzt von Michael Kegler & Piero Salabè in der beständigen Reihe der Edition Lyrikkabinett diesen Jahres erschienen, beschäftigen sich die poetischen Gebilde der Portugiesin (und Dickinson-Expertin) zum Beispiel mit dem Bedrohlichen, dem Zudringlichen in einer Handschrift, mit „Geteilter Einsamkeit“, Mikrokomplexen wie „Ich sehe dich im Glas vor mir“, „Das Hotel einer Sprache“, „ins Nichts. Die gebrochene Musik“, dem „genauen Lauf des Flusses“ oder „Gewöhnliche ovale Formen und Freibriefe: oder (fast) noch ein Brief an meine Tochter“.

„Selbst wenn es um Sonne und Berge ginge,

selbst wenn es die winzigsten Räume besingt

oder die großen Wahrheiten,

jedes Gedicht

ist über den,

der darüber schreibt“

schreibt Amaral. Zum Teil inkludieren die Texte merkwürdige, abrupte Abbrüche, als seien sich manche Gedichte selbst nicht geheuer. Manchmal blitzt in ihnen etwas auf, auch durchaus fragwürdig wie die forcierten Ressentiments als Spiel in „Gemeinplätze“. Insgesamt wirken die Gedichte sichtbar prozesshaft. Sie gehen von einem Eisprung im Blick aus, ein Krümel, ein Fuß, die Katze, ein Bild und entfalten sich daraufhin in philosophisches Aufschachteln von Abhängigkeiten. Manchmal landen sie in sich ähnelnden Reichen (Liebe, Nicht-Liebe, Männer, Töchter etc.), bisweilen scheinen sie ganz und gar unkontrolliert-experimentell trotz einer meist immergleichen um Beruhigtheit bemühten (übersetzten) Sprache.

„Meine Tochter hat in der Küche

eine Schüssel zerbrochen.

Und ich, die ich gerne darüber

geschrieben hätte,

musste Inspiration und Stift beiseitelegen,

und nach einem Besen greifen,

die Küche fegen.“

hochpersönliche Eigenreflektionen, Inhalte, die noch über einem gedichtlichen Formwillen stehen in zumindest vorliegender Übersetzung, die zum Teil a-rhythmisch agiert, oder wie es im Nachtwort selbst gebeichtet wird: „oft ist es eine Herausforderung, in den akrobatisch konstruierten Sätzen und Bilderreihungen dem Gedankengang zu folgen“. Die Akrobatik allerdings bleibt eine Behauptung, denn zumindest im Deutschen wird eher auf Nummer sicher gegangen. Ein wenig übersetzerischer Mut hätte nicht geschadet in Richtung negative capability oder Dickinsonsche Drastik.

Amaral Was ist ein Name: Hanser 2021 978-3446269125 112 Seiten

 

 

Lass mich nicht einsam sein Claudia Rankine

 

Anwesenheit anzeigen Claudia Rankines Lass mich nicht einsam sein ist ein deprimierender Text. Seine Zusammensetzung aus lyrischer Essayizität über trauriges Zeitgeschehen zwischen nine-eleven & den Jahren danach, eingestreuten Momentaufnahmen über das Sterben, Abschalten der Kabel, Abhängigsein von Medikation, dem allgegenwärtigen Fernsehen, den Nachrichten über Verbrechen, Misshandlungen, zivilen rassistischen Terror, lässt ihn unmittelbar, nahbar zu einem separat eingefangenen Stück Realität werden. Eine trostlose Gesellschaft, auseinandergebrochen, nur mit Bildern am Leben erhalten – ein Leben, das sich in Wirklichkeit als Einsamkeit an sich anfühlt. Rankine schafft es, dieses Gefühl zu erzeugen, unaufdringlich, schmucklos, von Uda Strätling clean übersetzt, geradezu beklemmend. Besonders heute, zehn Jahre später, möchte man hinzufügen, da es sich mitnichten zu einem (imaginären) Besseren gewandelt hätte, dass Rankines Kritik am System W. im Maßstab des Realitätsausmaßes vom späteren System DJT gesehen, zum Heulen ist & umso mehr runterzieht.

Dem bei Spector Books in der Volte-Reihe erschienenen Buch vorangestellt, liest sich ein Motto von Aimé Césaire, „[...] Ein Mensch, der tanzt, ist kein Tanzbär.“ In jener Vercuttungstechnik von Fetzen, Fotos, häufig eingespielten Grafiken leerer Fernseher (letzterer fast zu viel, nicht unbedingt vonnöten), tummeln sich Lyriken, Zitate, Filmnotate, Reflexionen wie Inseln, bewohnt mit demselben Gefühl, die Rankine versucht zu erreichen, die aber doch weit scheinen, schwierig zu navigieren. So wie jenes verdammte Einsamsein, das einmal da, schwer loszuwerden im Gefühlshaushalt herumsitzt. Celan, Vallejo u.a. kommen zu Wort in einem Werk, dass Literatur und Realität verschmilzt, sie ununterscheidbar macht. „Habe ich jemals Liebe erbrochen oder Schuld gehustet?“ schreibt Rankine.

„Ich soll Einsamkeit definieren?

Ja.

Sie ist das, was wir nicht füreinander tun können.

Was bedeuten wir einander?

Was bedeutet ein Leben?

Wozu sind wir da, wenn nicht füreinander?“

In einem dem Text nachgestellten, sehr interessanten Glossar wird mit einem Stimmungswechsel in der Sprache über die Realia gesprochen, sie zugeordnet, noch nüchterner, außerhalb des lyrischen Flows mit ihnen operiert. Ein leicht verzogenes Spiegelbild des ersten (Haupt-) Teils. Zusammen ergibt sich ein intensiver, grenzensprengender Lyrikessay, der so persönlich gehalten ist, dass er paradoxerweise allgemein wird – human, wenn dieses Wort überhaupt noch wohlbelegt ist. Dieses Buch ist es, ein weiterer tiefbohrender Klassiker aus der Feder Claudia Rankines.

„Oder ich erinnere mich, dass die letzten beiden Zeilen in Fanny Howes Tis of Thee, die ich am Abend zuvor noch im Bett gelesen habe, lauten: „Ich lernte, einem Gefühl der Unabhängigkeit sukzessiv zu entsagen und fühlte mich schließlich von unserer heutigen Zeit geschlagen. Ihr ergeben.“

Rankine Lass mich nicht einsam sein: Spector Books 2021 978-3959053303 168 Seiten

 

 

Rückruf Marie T. Martin

 

Käferin „Mahlwerk dieser Stadt“, „Wutkraut“ lauten Wortschöpfungen von Marie T. Martin in ihrem neuen Lyrikband Rückruf, erschienen im Leipziger Poetenladen Verlag. Im Nachwort nennt Tom Schulz ihre Texte „zugewandt“ und einem „magischen Sprachrealismus“ zugehörig. Tatsächlich ist das Zugewandte treffend, denn Martin nimmt die Lesenden mit auf Gänge in (Natur) Räumen, auf Erkundungen, die unverkopft daherkommen, diese Leserschaft wirklich mitgehen lassen. Das führt aber auch mit sich, dass bisweilen das Experiment fehlt, die Offenheit aufs Ganze zu gehen und dabei ein mögliches, realistisches Scheitern zu riskieren. In Rückruf sind die textlichen Operationen tatsächlich weniger als nach vorn einzuordnen, sondern als wohlüberlegt, ökonomisch, handwerklich äußerst gekonnt ins Bekannte gegriffen zu verstehen. „Dort liegt sie, ungesehen, die seltenste / aller Farben.“

Mehrfach benennt Martin die „Treidelseele“, „die Zweifelrede“, die an diesen Stellen durch Markierung zustande kommen soll, nicht aber durch Agieren von Sprache selbst (es sei denn im Fragen). Das Markieren wird vielmehr von einem klar zuordnenbaren Lyrischen Ich vorgenommen („Käferin“), oder einem Lyrischen Du, die jeweils sehr präsent, prägnant alle Gedichte durchdringen: „Liebes Ich Wie geht es Dir? Mir geht / es gut, ich sammle Fallsamen“ oder „Rückruf, dein Ich spricht“. Bisweilen treten sie in einen Dialog, sprechen sich an, „dass du eine Täuschung bist oder ein / seltsamer Traum“. Durch die verschiedenen Abteilungen des Bandes ziehen sich zwar viele Fragen wie „Ist dies eine /  Überquerung?“, doch strahlen alle Texte eine insgesamte Zuversicht aus. Zweifeln ja, aber Verzweifeln nein. Ein Ritus? „Vater und ich gehen in einem Western spazieren“, eine Rahmung oder letzte Folie bleibt stets vorhanden in den Gedichten in Rückruf von Marie T. Martin.

Martin Rückruf: Poetenladen 2020 978-3948305086 96 Seiten

 

 

Einmal in Sizilien Leonardo Sciascia

 

Regalpetra Der sizilianische Autor Leonardo Sciascia schreibt ausgiebig über die Welt um ihn herum, Sizilien, die Schule – er war Lehrer –, Menschen unter wechselnder Herrschaft, das Wetter, die Arbeiterbewegungen, die Verbindungen zur Unterwelt. In der Wagenbach-Reihe SALTO, die häufig ins Gebiet von Reiseliteratur vordringt, erscheint Sciascias Prosaband Einmal in Sizilien, der von Sigrid Vagt übersetzt wurde und bereits fast 70 Jahre alt ist, Le Parrocchie di Regalpetra im Original von 1956. Die um Objektivität bemühten Reportagen kreisen um das fiktive sizilianische Städtchen Regalpetra, das allerdings einige Ähnlichkeit zu nicht-fiktiven sizilianischen Städtchen aufweist. Sciascia versucht die damaligen Verwerfungen der Gesellschaft zwischen einer archaischen Landkultur mit eigenen Regeln, einem jungen Staat nach dem Faschismus um den Aufbruch bemüht und uralten ungerechten Eigentumsverteilungen sichtbar zu machen. Wie es heute um Sizilien steht, steht auf einem anderen Blatt, doch laut Einmal in Sizilien gab es einst eine große Ur-Solidaritätsbewegung der Nichtbesitzenden auf der Insel, gleich ob sie Schäfer, Schwefelminer oder Salzarbeiter waren, deren Kinder sich das Essen in der „Schulspeisung“ „ergaunern“ mussten, die zusammen absurde Entscheidungen von fern aus Rom aushielten, die sich selbst allerdings politisch wiederum unterschiedlich sozialisiert haben: die einen christlich-demokratisch, die anderen noch dem Fascismo nahe stehend, die anderen inzwischen Kommunisten, nicht unbedingt mehrheitseindeutig.

„Ein hautfarbenes Fähnchen flattert über dem Marsch der Armen“, so beschreibt es Sciascia trocken. Ohne viel auszustellen, geht der Autor weniger einer Inselromantik hinterher als einem Stück sizilianischer Geschichte, mit vielen Verweisen auf die überregionale Periode des jungen 20. Jahrhunderts in Italien. Die bittere Seite der Korruption, die in seinen später expliziteren Mafiaromanen die Hauptrolle spielt, ist hier noch unausgeprägt. Stattdessen laufen die Texte in ironische Beobachtungen aus.

„Zum Teufel“, erwiderte der andere, „Sie wollen mich nicht verstehen. Man hat ihnen die Schafe gestohlen? Wie viel waren sie wert, hunderttausend, zweihunderttausend? Dann gehen Sie zu Gaspare, und sage Sie ihm, Sie wären bereit, fünfundzwanzig-, fünfzigtausend zu zahlen; und Sie werden sehen, Sie kriegen die Schafe wieder.“ „Aber Gaspare ist doch unser Bürgermeister“, sagt fassungslos der Anwalt. „Ich weiß“, entgegnet abschließend der andere, „aber als Bürgermeister kann er diese Dinge besser regeln. Ein Freund der Freunde ist er, Sie sollten sich gut mit ihm stellen.“

Sciascia Einmal in Sizilien: Wagenbach 2021 978-3803113603 144 Seiten

 

 

Wabi-Sabi Woher? Wohin? Leonard Koren

 

Rau und ungleichmäßig Leonard Koren hat seine Gedanken zu Wabi-Sabi neu spezifiziert. Er kehrt zurück, erweitert sie um einige zusätzliche Informationen im Band Wabi-Sabi Woher? Wohin? Weiterführende Gedanken. Das epochale Konzept aus Japan, das nur durch den (westlichen) Versuch Korens überhaupt in Worte gefasst worden ist, bescheiden und ums allgegenwärtige Scheitern desselben im Klaren, eine Ästhetik des modesten Denkens und Verhaltens als (Kultur-) Gäste dieser Erde zu skizzieren, funktioniert auch im zweiten schmalen Buch im Wasmuth Verlag, neu aufgelegt, hauptsächlich über das Verbalisieren dessen, was Wabi-Sabi nicht ist. Koren stellt lieber Fragen („Wenn Sie in eine Welt hineingeboren worden wären, in der es die weggelassenen Zutaten gar nicht gäbe, würde es sie dann stören?“), statt Antworten zu geben. Er argumentiert mit dem Bild einer gesprungenen Kanne oder dem Zeitabdruck auf einer Bank. Es gelingt ihm dabei, inspirierend und uneitel zu bleiben.

Wenig wird erklärt, eher aufgezählt, verglichen, gesetzt. „Oder man nutzte Dinge aus einem ganz anderen Kontext, die nun neue Funktionen übernahmen und symbolische Assoziationen weckten [...] deshalb stellte man alte Dinge neben neue. Ausländische neben einheimische. Glatte neben raue. Teure neben preiswerte. Berühmte neben unbekannte. Das Komplizierte neben das Simple ...“

Zur Buchgestalt, die ihr eigenes Medium ist, erklärt der Autor: „... und es erhielt einen seltsamen, keinen cleveren Titel.“ Das Buch selbst ist Wabi-Sabi. Wer durch Lesen eine derartige Erfahrung machen möchte, wird sie machen. Das letzte Wort in Korens erstem Band lautete entdecken, hier nun lautet das letzte Wort ausradiert. Ein Hauch von Wink.

Koren Wabi-Sabi Woher? Wohin?: Wasmuth & Zohlen 2020 978-3803032188 96 Seiten

 

 

Undienlichkeit Iris Därmann

 

Fliegen: Sich selbst undienlich machen, nicht mehr zur Verfügung stehen, sich außer Gefecht setzen – unter dem Titel Undienlichkeit betrachtet die Kulturwissenschaftlerin und Philosophin Iris Därmann die Geschichte eines Widerstandsmodus gegen die Ausübung kolonial- und vernichtungspolitischer Gewalt, sowie ihrer philosophischen Rechtfertigungen. Als bisher unverbunden stand, dass die Sklaverei nicht nur eine Haupthandels- und Produktionspraxis westlicher Gesellschaften über Jahrhunderte war, sondern ganz offensichtlich auch ein kritikloser Teil ihrer theoretischen Philosophien gewesen ist. Nicht bloß Aristoteles, sondern in besonderem Maße die Späthumanisten und Frühaufklärer wie Hume, Locke, Hobbes usf. verankerten das Recht des Westens am Menschenmaterial als wesentlichen Teil ihrer Staatsphilosophie. Locke zum Beispiel erklärte den „christlichen Schöpfergott zum höchsten Land- und Sklaveneigentümer“. Zu Hobbes konstatiert Därmann: „Zweifellos ist H. nicht nur der Begründer des juristischen Idioms der Souveränität und des Staatsterrors, sondern gerade auch der Erfinder des politisch „servilen Menschen“, des sich absolut unterwerfenden und befehlsbereiten Subjektes.“

Därmann geht in ihrem fundiert recherchierten und aus vielerlei Stimmen von Originaldokumenten zusammengesetzten Schwarzbuch der Frage nach, wieso u.a. auch Marx/ Engels in ihrer Analyse von Ausbeutung und Gewinnaufteilung der Welt praktisch nie woke über die Rolle der Sklaverei nachdenken, bzw. offenkundige historische Ereignisse des erfolgten Widerstands wie beispielsweise die haitianische Revolution vollkommen tilgen zugunsten eines noch ausstehenden erlösenden Revolutionsplanspiels von unten. Als zentrales Konzept der Undienlichkeit macht Därmann die quälend zu lesenden Methoden bewusster Materialsabotage an sich selbst der verschleppten Menschen aus: Suizide, Verstümmelungen, alle Arten des Fliegens genannten Rückführens ihrer unversehrten Seele aus den willkürlichen Händen der ausübenden Gewalt, die, nicht selten sexualisiert, wiederum ihren Rückeinschlag über de Sades u.a. Schriften ins sensuelle Körpernarrativ des Westens gefunden habe. Das nüchterne Schildern des Undienlichmachens auf der einen Seite und des absichtlichen Gegen-Ausübens von Herrschaft durch Gewalt über den Körper (Lynchen, öffentliches Strafen, Verstümmeln, Verbrennen...) bildet die Trauma-Achse dieses Handbuchs der Gewaltgeschichte, die konsequenterweise in der Verstrickung der politischen Philosophien Schmitts und Heideggers in die industrielle Vernichtung des Judentums im 20. Jahrhunderts gipfelt. Dabei stehen die Zitataussagen Heideggers aus den Schwarzen Heften, die nicht nur den Nationalsozialismus als „brutale Überwindung der Metaphysik“ preisen wie den Messias selbst, sondern ganz explizit die „jüdische Vernichtung“ als dafür unumgänglich einfordern, als entsetzliche Kulmination einer alternativen (politischen) Philosophiegeschichte, an deren abschließender Betrachtung Därmanns, Heidegger & Co könnten heute nurmehr von historischem Betrachtungsinteresse sein, ihre philosophischen Modelle basierten auf verbrecherischem Sozialverstehen, nach dieser Leküre wohl wenig Zweifel bestehen dürften. Undienlichkeit betreibt notwendige schonungslose Aufklärung. Matthes & Seitz Berlin hat ein ebenso mutiges wie wissenschaftlich aufbereitetes (über 200 Seiten Quellenangaben/ Anmerkungsapparat) Schriftwerk des Grauens veröffentlicht, von umstürzlerischer Sichtweise auf lange unbeschadet und unangetastet gestandene Gedankengebäude.

Därmann Undienlichkeit: Matthes & Seitz Berlin 2020 978-3957578747 510 Seiten

 

 

Die Affen Gottes Wyndham Lewis

 

Ganz lustig, nicht wahr? Mit Wyndham Lewis Monumental-Roman Die Affen Gottes liegt ein kontroverses Zeugnis der Moderne erstmalig in deutscher Übersetzung (Jochen Beyse, Rita Seuß) vor. Lewis brachte sein satirisch angelegtes Panorama der Londoner Kunstszene ursprünglich 1930 heraus, erntete geteiltes Echo und wandte sich in Abkehr und letztlich Unverstandenheit offen dem Faschismus zu, dem er trotz gelegentlicher „Volten“ (wie es auf dem Buchumschlag heißt) treu blieb. Ezra Pound galt als Bewunderer der Affen Gottes. Spätestens hier sollte Hellhörigkeit einsetzen. Der bei Diaphanes erschienene, ansprechend aufgemachte Wälzer besitzt zwar ein umfangreiches Nachwort nebst Register, nimmt darin aber wenig ausreichend Stellung zum machwerkartigen Charakter dieser späten Ulysses-Trittbrettfahrt. Tonal anders gelagert als das Joycesche Universum oder das zeitgleich entstehende Werk Virgina Woolfs (die beide von Lewis‘ reaktionärer Schelte aufs Korn genommen werden) und erst recht anders als Foster Wallace‘ später Unendlicher Spaß, sind Die Affen Gottes kein bisschen progressiv-monströs, sondern im tiefsten Licht menschenverachtend feindselig. Es wimmelt in dem konzeptlos aneinandergereihten Panoptikum damaliger MäzenInnen, Parvenüs, BlenderInnen von (Empire-) sprachlichen Aussetzern: rassistische, anti-semitische, sexistische, homophobe Lingo, die nicht ausschließlich den Figuren in den Mund gelegt wird, sondern ganz explizit der neutralen Erzählstimme entgleist. Das Buch ist zu großen Teilen ein veritables Hate-Fest von Zuschreibungen und gift-begrifflichen Bezeichnungen, deren traurige Aktualität allen NachwortschreiberInnen (hier: Paul Edwards) ein höheres Anliegen hätten sein müssen zu kennzeichnen, als Lewis‘ florierende Kreativität in den Vordergrund zu stellen – welche im Übrigen ihrer Zeit zu spät gekommen ist und auch nicht über sie hinaus zu bedeuten gewillt ist. Eine kritischere Ausgabe wäre notwendig, um die totale Toxizität dieses männlich-selbstmitleidigen Missverstehens und Ausübens von Sprachkunst als Neuausgabe zu rechtfertigen.

Lewis (1882-1957) gehörte als Bildender Künstler vor dem Ersten Weltkrieg zur Avantgarde (Vortizismus, BLAST), doch fällt er mit diesem traurigen Pseudo-Epos (wie Pound und andere) in seine selbstverfertigte Grube. Auch der Integrität von Satire muss getraut werden können. Wer solch Format lediglich nutzt, um einmal richtig abledern zu können, verrät nicht nur die Kunst, sondern die Gemeinschaft dazu. Die Affen Gottes disqualifiziert sich für praktisch jede Lektüre, zu wütend macht der weithin langatmig und selbstgerecht verfasste Rundumschlag: „... sie gertrudesteinerten vor sich hin“. Einzig Wyndham Lewis‘ Zeichnungen, die als Originale zwischen den Kapiteln abgedruckt sind, leuchten noch als veritabel mehrdeutige künstlerische Aussagen. Sie schlagen die Brücke zu einem Künstler, der etwas zu sagen hatte, bevor er nichts mehr zu sagen hatte und anti-proportional lauter wurde.

Lewis Die Affen Gottes: Diaphanes 2020 978-3035803464 776 Seiten

 

Besprechungen erscheint unregelmäßig bei Jonis Hartmann