Einmal in Sizilien Leonardo Sciascia

 

Regalpetra Der sizilianische Autor Leonardo Sciascia schreibt ausgiebig über die Welt um ihn herum, Sizilien, die Schule – er war Lehrer –, Menschen unter wechselnder Herrschaft, das Wetter, die Arbeiterbewegungen, die Verbindungen zur Unterwelt. In der Wagenbach-Reihe SALTO, die häufig ins Gebiet von Reiseliteratur vordringt, erscheint Sciascias Prosaband Einmal in Sizilien, der von Sigrid Vagt übersetzt wurde und bereits fast 70 Jahre alt ist, Le Parrocchie di Regalpetra im Original von 1956. Die um Objektivität bemühten Reportagen kreisen um das fiktive sizilianische Städtchen Regalpetra, das allerdings einige Ähnlichkeit zu nicht-fiktiven sizilianischen Städtchen aufweist. Sciascia versucht die damaligen Verwerfungen der Gesellschaft zwischen einer archaischen Landkultur mit eigenen Regeln, einem jungen Staat nach dem Faschismus um den Aufbruch bemüht und uralten ungerechten Eigentumsverteilungen sichtbar zu machen. Wie es heute um Sizilien steht, steht auf einem anderen Blatt, doch laut Einmal in Sizilien gab es einst eine große Ur-Solidaritätsbewegung der Nichtbesitzenden auf der Insel, gleich ob sie Schäfer, Schwefelminer oder Salzarbeiter waren, deren Kinder sich das Essen in der „Schulspeisung“ „ergaunern“ mussten, die zusammen absurde Entscheidungen von fern aus Rom aushielten, die sich selbst allerdings politisch wiederum unterschiedlich sozialisiert haben: die einen christlich-demokratisch, die anderen noch dem Fascismo nahe stehend, die anderen inzwischen Kommunisten, nicht unbedingt mehrheitseindeutig.

„Ein hautfarbenes Fähnchen flattert über dem Marsch der Armen“, so beschreibt es Sciascia trocken. Ohne viel auszustellen, geht der Autor weniger einer Inselromantik hinterher als einem Stück sizilianischer Geschichte, mit vielen Verweisen auf die überregionale Periode des jungen 20. Jahrhunderts in Italien. Die bittere Seite der Korruption, die in seinen später expliziteren Mafiaromanen die Hauptrolle spielt, ist hier noch unausgeprägt. Stattdessen laufen die Texte in ironische Beobachtungen aus.

„Zum Teufel“, erwiderte der andere, „Sie wollen mich nicht verstehen. Man hat ihnen die Schafe gestohlen? Wie viel waren sie wert, hunderttausend, zweihunderttausend? Dann gehen Sie zu Gaspare, und sage Sie ihm, Sie wären bereit, fünfundzwanzig-, fünfzigtausend zu zahlen; und Sie werden sehen, Sie kriegen die Schafe wieder.“ „Aber Gaspare ist doch unser Bürgermeister“, sagt fassungslos der Anwalt. „Ich weiß“, entgegnet abschließend der andere, „aber als Bürgermeister kann er diese Dinge besser regeln. Ein Freund der Freunde ist er, Sie sollten sich gut mit ihm stellen.“

Sciascia Einmal in Sizilien: Wagenbach 2021 978-3803113603 144 S. 18 €

 

 

 

Wabi-Sabi Woher? Wohin? Leonard Koren

 

Rau und ungleichmäßig Leonard Koren hat seine Gedanken zu Wabi-Sabi neu spezifiziert. Er kehrt zurück, erweitert sie um einige zusätzliche Informationen im Band Wabi-Sabi Woher? Wohin? Weiterführende Gedanken. Das epochale Konzept aus Japan, das nur durch den (westlichen) Versuch Korens überhaupt in Worte gefasst worden ist, bescheiden und ums allgegenwärtige Scheitern desselben im Klaren, eine Ästhetik des modesten Denkens und Verhaltens als (Kultur-) Gäste dieser Erde zu skizzieren, funktioniert auch im zweiten schmalen Buch im Wasmuth Verlag, neu aufgelegt, hauptsächlich über das Verbalisieren dessen, was Wabi-Sabi nicht ist. Koren stellt lieber Fragen („Wenn Sie in eine Welt hineingeboren worden wären, in der es die weggelassenen Zutaten gar nicht gäbe, würde es sie dann stören?“), statt Antworten zu geben. Er argumentiert mit dem Bild einer gesprungenen Kanne oder dem Zeitabdruck auf einer Bank. Es gelingt ihm dabei, inspirierend und uneitel zu bleiben.

Wenig wird erklärt, eher aufgezählt, verglichen, gesetzt. „Oder man nutzte Dinge aus einem ganz anderen Kontext, die nun neue Funktionen übernahmen und symbolische Assoziationen weckten [...] deshalb stellte man alte Dinge neben neue. Ausländische neben einheimische. Glatte neben raue. Teure neben preiswerte. Berühmte neben unbekannte. Das Komplizierte neben das Simple ...“

Zur Buchgestalt, die ihr eigenes Medium ist, erklärt der Autor: „... und es erhielt einen seltsamen, keinen cleveren Titel.“ Das Buch selbst ist Wabi-Sabi. Wer durch Lesen eine derartige Erfahrung machen möchte, wird sie machen. Das letzte Wort in Korens erstem Band lautete entdecken, hier nun lautet das letzte Wort ausradiert. Ein Hauch von Wink.

Koren Wabi-Sabi Woher? Wohin?: Wasmuth & Zohlen 2020 978-3803032188 96 S. 15 €

 

 

 

Undienlichkeit Iris Därmann

 

Fliegen: Sich selbst undienlich machen, nicht mehr zur Verfügung stehen, sich außer Gefecht setzen – unter dem Titel Undienlichkeit betrachtet die Kulturwissenschaftlerin und Philosophin Iris Därmann die Geschichte eines Widerstandsmodus gegen die Ausübung kolonial- und vernichtungspolitischer Gewalt, sowie ihrer philosophischen Rechtfertigungen. Als bisher unverbunden stand, dass die Sklaverei nicht nur eine Haupthandels- und Produktionspraxis westlicher Gesellschaften über Jahrhunderte war, sondern ganz offensichtlich auch ein kritikloser Teil ihrer theoretischen Philosophien gewesen ist. Nicht bloß Aristoteles, sondern in besonderem Maße die Späthumanisten und Frühaufklärer wie Hume, Locke, Hobbes usf. verankerten das Recht des Westens am Menschenmaterial als wesentlichen Teil ihrer Staatsphilosophie. Locke zum Beispiel erklärte den „christlichen Schöpfergott zum höchsten Land- und Sklaveneigentümer“. Zu Hobbes konstatiert Därmann: „Zweifellos ist H. nicht nur der Begründer des juristischen Idioms der Souveränität und des Staatsterrors, sondern gerade auch der Erfinder des politisch „servilen Menschen“, des sich absolut unterwerfenden und befehlsbereiten Subjektes.“

Därmann geht in ihrem fundiert recherchierten und aus vielerlei Stimmen von Originaldokumenten zusammengesetzten Schwarzbuch der Frage nach, wieso u.a. auch Marx/ Engels in ihrer Analyse von Ausbeutung und Gewinnaufteilung der Welt praktisch nie woke über die Rolle der Sklaverei nachdenken, bzw. offenkundige historische Ereignisse des erfolgten Widerstands wie beispielsweise die haitianische Revolution vollkommen tilgen zugunsten eines noch ausstehenden erlösenden Revolutionsplanspiels von unten. Als zentrales Konzept der Undienlichkeit macht Därmann die quälend zu lesenden Methoden bewusster Materialsabotage an sich selbst der verschleppten Menschen aus: Suizide, Verstümmelungen, alle Arten des Fliegens genannten Rückführens ihrer unversehrten Seele aus den willkürlichen Händen der ausübenden Gewalt, die, nicht selten sexualisiert, wiederum ihren Rückeinschlag über de Sades u.a. Schriften ins sensuelle Körpernarrativ des Westens gefunden habe. Das nüchterne Schildern des Undienlichmachens auf der einen Seite und des absichtlichen Gegen-Ausübens von Herrschaft durch Gewalt über den Körper (Lynchen, öffentliches Strafen, Verstümmeln, Verbrennen...) bildet die Trauma-Achse dieses Handbuchs der Gewaltgeschichte, die konsequenterweise in der Verstrickung der politischen Philosophien Schmitts und Heideggers in die industrielle Vernichtung des Judentums im 20. Jahrhunderts gipfelt. Dabei stehen die Zitataussagen Heideggers aus den Schwarzen Heften, die nicht nur den Nationalsozialismus als „brutale Überwindung der Metaphysik“ preisen wie den Messias selbst, sondern ganz explizit die „jüdische Vernichtung“ als dafür unumgänglich einfordern, als entsetzliche Kulmination einer alternativen (politischen) Philosophiegeschichte, an deren abschließender Betrachtung Därmanns, Heidegger & Co könnten heute nurmehr von historischem Betrachtungsinteresse sein, ihre philosophischen Modelle basierten auf verbrecherischem Sozialverstehen, nach dieser Leküre wohl wenig Zweifel bestehen dürften. Undienlichkeit betreibt notwendige schonungslose Aufklärung. Matthes & Seitz Berlin hat ein ebenso mutiges wie wissenschaftlich aufbereitetes (über 200 Seiten Quellenangaben/ Anmerkungsapparat) Schriftwerk des Grauens veröffentlicht, von umstürzlerischer Sichtweise auf lange unbeschadet und unangetastet gestandene Gedankengebäude.

Därmann Undienlichkeit: Matthes & Seitz Berlin 2020 978-3957578747 510 S. 38 €

 

 

 

Die Affen Gottes Wyndham Lewis

 

Ganz lustig, nicht wahr? Mit Wyndham Lewis Monumental-Roman Die Affen Gottes liegt ein kontroverses Zeugnis der Moderne erstmalig in deutscher Übersetzung (Jochen Beyse, Rita Seuß) vor. Lewis brachte sein satirisch angelegtes Panorama der Londoner Kunstszene ursprünglich 1930 heraus, erntete geteiltes Echo und wandte sich in Abkehr und letztlich Unverstandenheit offen dem Faschismus zu, dem er trotz gelegentlicher „Volten“ (wie es auf dem Buchumschlag heißt) treu blieb. Ezra Pound galt als Bewunderer der Affen Gottes. Spätestens hier sollte Hellhörigkeit einsetzen. Der bei Diaphanes erschienene, ansprechend aufgemachte Wälzer besitzt zwar ein umfangreiches Nachwort nebst Register, nimmt darin aber wenig ausreichend Stellung zum machwerkartigen Charakter dieser späten Ulysses-Trittbrettfahrt. Tonal anders gelagert als das Joycesche Universum oder das zeitgleich entstehende Werk Virgina Woolfs (die beide von Lewis‘ reaktionärer Schelte aufs Korn genommen werden) und erst recht anders als Foster Wallace‘ später Unendlicher Spaß, sind Die Affen Gottes kein bisschen progressiv-monströs, sondern im tiefsten Licht menschenverachtend feindselig. Es wimmelt in dem konzeptlos aneinandergereihten Panoptikum damaliger MäzenInnen, Parvenüs, BlenderInnen von (Empire-) sprachlichen Aussetzern: rassistische, anti-semitische, sexistische, homophobe Lingo, die nicht ausschließlich den Figuren in den Mund gelegt wird, sondern ganz explizit der neutralen Erzählstimme entgleist. Das Buch ist zu großen Teilen ein veritables Hate-Fest von Zuschreibungen und gift-begrifflichen Bezeichnungen, deren traurige Aktualität allen NachwortschreiberInnen (hier: Paul Edwards) ein höheres Anliegen hätten sein müssen zu kennzeichnen, als Lewis‘ florierende Kreativität in den Vordergrund zu stellen – welche im Übrigen ihrer Zeit zu spät gekommen ist und auch nicht über sie hinaus zu bedeuten gewillt ist. Eine kritischere Ausgabe wäre notwendig, um die totale Toxizität dieses männlich-selbstmitleidigen Missverstehens und Ausübens von Sprachkunst als Neuausgabe zu rechtfertigen.

Lewis (1882-1957) gehörte als Bildender Künstler vor dem Ersten Weltkrieg zur Avantgarde (Vortizismus, BLAST), doch fällt er mit diesem traurigen Pseudo-Epos (wie Pound und andere) in seine selbstverfertigte Grube. Auch der Integrität von Satire muss getraut werden können. Wer solch Format lediglich nutzt, um einmal richtig abledern zu können, verrät nicht nur die Kunst, sondern die Gemeinschaft dazu. Die Affen Gottes disqualifiziert sich für praktisch jede Lektüre, zu wütend macht der weithin langatmig und selbstgerecht verfasste Rundumschlag: „... sie gertrudesteinerten vor sich hin“. Einzig Wyndham Lewis‘ Zeichnungen, die als Originale zwischen den Kapiteln abgedruckt sind, leuchten noch als veritabel mehrdeutige künstlerische Aussagen. Sie schlagen die Brücke zu einem Künstler, der etwas zu sagen hatte, bevor er nichts mehr zu sagen hatte und anti-proportional lauter wurde.

Lewis Die Affen Gottes: Diaphanes 2020 978-3035803464 776 S. 40 €

 

Besprechungen erscheint unregelmäßig bei Jonis Hartmann